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Geschichte eines faszinierenden Stoffes
„Nimm 60 Teile Sand, 180 Teile Asche aus Meerespflanzen, 5 Teile Kreide – und du erhältst Glas.“ Dieses Rezept wurde 650 Jahre vor Chr. in Keilschrift auf eine Tontafel geschrieben und in der Bibliothek des assyrischen Königs Ashurbanipal archiviert. Grundsätzlich gilt die Zusammensetzung noch heute: Der Feststoff Glas entsteht aus einem Gemenge von Sand, Pottasche und Soda. Die Geschichte von Glas beginnt bereits in der heißen Phase unseres Planeten. Als Quarzsand, Kalk und sodaähnliche Substanzen in vulkanischer Hitze miteinander verschmolzen, bildete sich ein Naturglas – der Obsidian. Er wurde an nur wenigen Orten gefunden und war in der Steinzeit ein als Schneidwerkzeug oder Schmuckstein begehrtes Handelsobjekt. Ab der Bronzezeit wurden unsere Vorfahren kreativ und gestalteten aus tonreicher Erde Gefäße und andere Haushaltsgegenstände, die sie im Feuer brannten. Zufällig wurde so ein Feuer mal viel zu heiß und die matte Keramik bekam auf wundersame Weise eine herrlich glänzende Oberfläche. Also entwickelten frühzeitliche Ingenieure – irgendwo in Vorderasien – die ersten Hochtemperaturöfen und kamen durch zahlreiche Experimente zur Kunst der Glasherstellung. Intensiv bunt und meistens undurchsichtig waren die Glasobjekte zu jener Zeit, bis – zwischen 300 – 100 v. Chr. – in Ägypten oder Syrien die Glasbläserpfeife erfunden wurde. Jetzt war es erstmals möglich, dünnwandiges und durchsichtiges Glas herzustellen, es in Hohlformen einzublasen, kalt zu vergolden oder Ornamente einzuritzen und durch metallische Zusatzstoffe die Farbscala zu erweitern. Im Römischen Reich soll es sogar schon gläserne Fensterscheiben gegeben haben. Die Römer waren es auch, die die Glasmacherkunst in ihren besetzten Gebieten überall in Europa verbreiteten. Mit der Völkerwanderung ging das hohe handwerkliche Wissen der Glasbläserkunst weitgehend wieder verloren, und auch das frühe Christentum verdammte sie als „Teufelswerk“. Doch ausgerechnet die Klöster sorgten in der Folgezeit für die Wiedereinrichtung von Glashütten: Sie benötigten dringend geeignete Gefäße für den Vertrieb ihrer selbst hergestellten Liköre und Schnäpse. Um 800 n. Chr. war die Lizenz zum Glasmachen einzig dem Klerus vorbehalten. Das änderte sich um die erste Jahrtausendwende. Ausgehend vom venezianischen Murano startete die profane Glasmacherei einen neuen ungeahnten Höhenflug. In deutschen Landen etablierten sich Glasmacher-Wanderbetriebe hauptsächlich in den waldreichen Mittelgebirgen, wo Eichen und Buchen in „Pötten“ zu Asche verbrannt wurden und andere Gehölze das Brennmaterial für die Öfen lieferten. Es entstand das grüne „Waldglas“. Im Laufe der Zeit drang das Material Glas mehr und mehr in die Bereiche Wissenschaft und Technik vor. Angefangen von Galileo Galilei, der mit seinem Thermoskop den Vorläufer des Thermometers entwickelte, über den Physiker Joseph Fraunhofer, der im Kloster Benediktbeuern Linsen fertigte, deren Brechkraft und Streuvermögen exakt zu berechnen waren, bis hin zu Carl Zeiss und Ernst Abbé, die zusammen mit Otto Schott optische Gläser in bis dato nicht gekannter Qualität herstellten. Seit dem 20. Jahrhundert ist die Glasherstellung größtenteils industrialisiert und automatisiert. Gerade deshalb wird die traditionelle Handwerkskunst der Glasbläser in der heutigen Zeit als etwas ganz besonders Wert(e)volles empfunden. Und das ist sie auch.
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